Donnerstag 09 Feb 2012
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Chrischona-Steckborn
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Interview mit Conny und Simon Löffel PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Lisbeth Leibundgut   
Sonntag, den 10. Januar 2010 um 13:28 Uhr

Lisbeth Leibundgut: Was ist euer erster Gedanke, wenn ihr das Wort “Armut“ hört?

Conny und Simon Löffel: Armut kennen wir hier in der Schweiz nicht. Jedenfalls sicher nicht unsere Generation. Aus unserer westlichen Sicht findet die Armut am anderen Ende der Welt statt. Wir verbinden Armut mit den Bildern welche uns die Medien aus Kriegs- und Krisengebieten vor die Nase halten. Wenn es in einem Land staubig ist, die Häuser nicht gemauert sind und die Autos nicht glänzen, definieren wir das oftmals schon  als Armut.

Bei uns in der Schweiz kennen wir Freudlosigkeit, Einsamkeit, Burn-Outs, Beziehungskrisen, Rastlosigkeit und vielfach keine Lebensperspektive. Das ist in unseren Regionen zwar eine andere Armut, welche aber genauso tragisch ist, wie wenn Menschen hungern oder körperlich krank sind.

Lisbeth: Ihr habt einige Zeit in Portugal gelebt, einem Land, indem die Menschen mit viel weniger materiellen Mitteln auskommen müssen als wir Schweizer. Wie seid ihr da mit Armut konfrontiert worden?

Conny und Simon: Im Gegensatz zur Schweiz sieht man mehr Bettler und Obdachlose auf der Strasse. Auch gibt es um die Grossstädte Sozial- quartiere, in denen grosse Fa- milien auf kleinstem Raum zusammenleben und mit wenig auskommen müssen. Leider ist es aber so, dass mittlerweile der Materialismus in den meisten europäischen Staaten Einzug gehalten hat. Die reicheren Länder haben in die ärmeren exportiert. Vor 15 Jahren kaufte man in Lissabon noch beim kleinen Händler um die Ecke ein. Heute stehen da Media Markt, Lidl, IKEA, Jumbo und hunderte andere Discounter, in denen man alles bekommt, was man auch bei uns haben kann. Wobei die Preise ähnlich sind wie in Deutschland. Die Menschen werden überhäuft, von Dingen, welche das Leben schöner machen sollen.
Viele Portugiesen haben jedoch nicht gelernt damit umzugehen. Am letzten Freitag im Monat, wenn der Lohn gekommen ist, gehen sie mit der ganzen Familie einkaufen, um dann wieder einen Monat auf Sparflamme zu leben. Jeder hat ein Natel, aber viele zu wenig Geld um sich Fleisch zu kaufen.

Lisbeth: Werdet ihr bei Juropa direkt mit Armut konfrontiert oder habt ihr Projekte, die zur Linderung von Armut beitragen?

Conny und Simon: Die Armut erlebt man im Moment vor allem in den osteuropäischen Staaten. Das kommunistische Gedankengut verschwindet nicht von heute auf morgen. Auch Kriegszeiten prägen bis heute noch die Menschen und die wirtschaftliche Lage.
Wir als Juropa fördern stark die jeweiligen nationalen Ressourcen. Wir bringen also nicht unser vieles Material mit, sondern arbeiten mit den Mitteln vor Ort. Die Länder sollen Jungschararbeit mit dem machen, was sie haben.
Es gibt Projekte, bei welchen wir „Starthilfe“ leisten. Zelte und diverses Material sind überall teuer. Wir verschenken nicht einfach jedem alles, sind aber auch nicht knauserig. Wir bekommen es von Gott um es einzusetzen und nicht um es in der Schweiz zu horten.

Lisbeth: Mir fällt auf, dass in den Freikirchen der Fokus stark auf die Evangelisation der Menschen gelegt wird, dass aber weltweit 850 Mio Menschen Hunger leiden wird oft vergessen. Was entgegnest du mir als Prediger?

Conny und Simon: Die Diakonie (der Dienst am Nächsten) ist bei uns zu einem grossen Teil verloren gegangen. Vielleicht durch unseren Wohlstand. Es gibt weltweit jedoch viele christliche Organisationen, welche auch aktive Sozialhilfe leisten. Es beschämt mich aber zu sehen, dass es viel mehr säkulare Organisationen gibt, welche den Menschen praktisch vor Ort helfen. Das Evangelium mit Nächstenhilfe zu verbinden sollte absolut normal sein. Jesus hat nicht nur gepredigt, sondern immer auch geheilt, den Menschen zu essen gegeben oder ihnen geholfen.

Lisbeth: Wie empfindet ihr es auf Spenden angewiesen zu sein?

Conny und Simon: Es ist taff, aber mit der Zeit gewöhnt man sich an alles. Es ist schwerer wenn man in der Schweiz ist, als im Ausland. Viele verstehen unter Mission immer noch Arbeit in den „Armutsländern“, im Dschungel oder bei einem Urstamm in Afrika.
In der Schweiz brauch man deutlich mehr Finanzen, um als kleine Familie leben zu können. Auch wenn wir immer noch nicht ganz unser monatliches Einkommen zusammen haben, können wir sicher nicht klagen. Wir dürfen erleben, wie Gott immer wieder versorgt und schlussendlich mehr als genug schenkt, auch wenn es nicht so weit im Vornherein absehbar ist. Es tut gut immer wieder von neuem darauf vertrauen zu müssen, dass Gott für uns sorgen wird. Es erfüllt uns aber auch immer wieder mit grosser Dankbarkeit, wenn wir erleben, wie er uns reich beschenkt.

Lisbeth: Könnt ihr nachvollziehen, dass sich Menschen dafür schämen, dass sie ihren normalen Verbrauch nicht aus eigenen Mitteln bestreiten können?

Conny und Simon: Hier ein Beispiel: Ein Jungschar-Leiter in Portugal kam aus einer sehr armen Familie. Für ihn war es oft schwierig zuzugeben, dass er sich etwas nicht leisten kann. Als wir einmal gemeinsam vom Nachbardorf nach Hause mussten, wollte er nicht den Bus nehmen und lieber zu Fuss gehen, obwohl es eine recht weite Strecke war. Wir verstanden zuerst nicht genau, was der Grund war, begriffen dann aber, dass er sich das Billet nicht leisten konnte. Als wir ihm anboten das Billet für ihn zu bezahlen, schämte er sich, das Angebot anzunehmen und ging lieber zu Fuss zurück.

Lisbeth: Armut hat mit verzichten müssen zu tun. Armutsbekämpfung hat mit der Bereitschaft zu verzichten zu tun. Wo fällt es euch leicht zu verzichten,  wo fällt es euch eher schwer?

Conny und Simon: Wir haben in manchen Situationen gelernt zu fragen: „Brauch ich das wirklich gerade jetzt oder geht es auch ohne?“ So erkannten wir recht schnell, dass wir eigentlich noch auf vieles verzichten könnten.
Wir merken auch, dass es oft eine Frage der Prioritäten ist. Manche Dinge wie zum Beispiel einen guten Computer leisten wir uns, weil es uns wichtig ist und uns Freude bereitet. Dafür brauchen wir nicht so viel Geld für Kleider.
In der Zeit in Portugal mussten wir  auf einigen Komfort verzichten  welchen wir uns von der Schweiz her gewohnt waren. Da wir dies jedoch schon im Vornherein wussten und uns darauf eingestellt hatten, war es für uns kein grosses Problem, darauf verzichten zu müssen. Nur auf die Heizung konnten wir nicht verzichten, auch wenn dies die Stromrechnung etwas in die Höhe getrieben hat. Wir machten einfach das Beste aus der Situation und waren dafür umso dankbarer, als wir wieder in der Schweiz waren!

Lisbeth: Liebe Conny, lieber Simon ich danke euch ganz herzlich für die Beantwortung, dieser doch zum Teil sehr persönlichen Fragen.



Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 10. Januar 2010 um 13:36 Uhr
 

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