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Gespräch mit einer Seelsorgerin der Empfangsstelle in Kreuzlingen PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Liesbeth Leibundgut   
Montag, den 05. Dezember 2011 um 21:11 Uhr
Karin, seit ein paar Monaten bist du Seelsorgerin im Empfangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende in Kreuzlingen. Kannst du uns deinen Arbeitsplatz kurz beschreiben? K.F. Die Empfangs- und Verfahrenszentren sind erste Anlaufstellen für die Gesuchsteller, die von Gesetzes wegen maximal 90 Tage in den EVZ-Strukturen bleiben können. Erste Abklärungen werden direkt vor Ort getroffen. Anschliessend müssen die Personen, je nach Entscheid, das Land verlassen oder werden den Kantonen zu weiteren Abklärungen zugewiesen. Ich gehe einen Morgen in der Woche ins EVZ, dort bin ich im Aufenthaltsraum oder bei schönem Wetter im Garten des internen Bereichs anzutreffen, wir Seelsorgerinnen und Seelsorger dürfen uns nur in einem kleinen Teil des Gebäudes bewegen. In die Schlafräume dürfen wir nicht, auch nicht, wenn jemand das Bett hüten muss. Du bist von einer der Landeskirchen angestellt, was ist deine Aufgabe? K.F. Ich bin Ansprechsfrau für alle Menschen die im EVZ sind, welche Religion der Mensch hat, spielt keine Rolle, die Hälfte der Asylsuchenden sind Moslem. Die Anwesenheit der Seelsorgerin oder des Seelsorgers ist einer der wenigen Hoffnungsschimmer in dieser Situation der Verzweiflung und Ratlosigkeit. Ich höre den Menschen zu, gebe Erklärungen was sie erwarten könnte, wie ein Interview etwa abläuft, Hilfestellungen beim Deutsch lernen, erkläre ihnen wann Gottesdienste sind und wenn gewünscht, beten wir gemeinsam. Ich mache sie auf die unentgeltliche Rechtsberatung aufmerksam, erkläre ihnen wo der Kaffeetreff für Asylsuchende ist. Oder was für Möglichkeiten in der Stadt und am See zum Spazieren sind. Meistens gehe ich zu Familien mit Kindern, lege Malstifte und Papier auf den Tisch, während die Kinder malen, kommen weitere Erwachsene dazu. Sie erzählen dann von wo sie kommen, ob sie schon ein Interview hatten, manchmal haben sie Fragen zu ihrem Asylverfahren. Sie haben keine Ahnung was sie mit ihrer Zeit machen können. Kein Morgen gleicht dem anderen. Was brauchen die Menschen, die im Empfangszentrum sind, auf Grund deiner Erfahrungen? K:F. Wenn ich auf sie zugehe, sie per Handschlag grüsse, mich vorstelle, frage, wie es ihnen geht, dann breitet sich bei vielen ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Sie brauchen Menschen die ihnen zuhören, ihnen das Gefühl von Wärme geben. Welche Nöte begegnen dir? Hast du die Möglichkeit Nöte zu lindern? Wie? K.F. Das ist ganz vielfältig. Einmal erzählte mir eine Mutter, dass sie und ihre Kinder wahrscheinlich nicht hierbleiben können, sie seien schon 30 Tage hier und sie habe noch kein Interview gegeben. Ich hörte ihr aufmerksam zu, stellte Fragen, erklärte ihr das Verfahren, beschwichtigte ihre Bedenken. Daneben sass die ganze Zeit einer ihrer Söhne, etwa 12 Jahre alt. Am Ende des Gesprächs wirkte sie fröhlicher, sie hatte wieder etwas Mut gefasst und überlegte gemeinsam mit ihrem Sohn wo sie am Nachmittag spazieren gehen wollten. Als ich mich später von ihnen verabschiedete, kam der Sohn zu mir, umarmte mich und sagte: You are a good Lady, thanks for all. Es gibt Nöte die kann ich lindern, indem ich zuhöre und eine Antwort weiss, ihnen Hilfestellungen gebe, wenn sie zum Arzt möchten, wenn sie Kleider benötigen, wenn sie Beratung zu ihrem Fall brauchen, ect. Bei anderen Nöten da kann ich nur meine Anteilnahme zum Ausdruck bringen und sagen, ich bete für sie und wenn ich nach Hause gehe habe ich sie nicht vergessen. Wie könnten wir die Nöte von Asylbewerbern lindern? K.F. Im Thurgau gibt es neben dem EVZ Kreuzlingen auch 5 Durchgangsheime für Asylsuchende (Frauenfeld, Sirnach, Romanshorn, Weinfelden und Amriswil). Für viele ist es das erste Mal in der Schweiz und sie haben keine Ahnung, was sie erwartet, was die Gepflogenheiten bei uns sind. Wenn Menschen Asylsuchende als Menschen wie du und ich wahrnehmen, sie freundlich grüssen, bei Unsicherheiten im Alltag helfen, ist schon viel erreicht. Ich denke, lese und höre, von einigen Beispielen, dass sich Leute, ehrenamtlich und freiwillig um Asylsuchende kümmern und zum Beispiel Nachbarschaftshilfe anbieten, was ich sehr wichtig finde. Was denkst du warum lösen Asylsuchende Ängste bei Menschen aus? K.F. Für mich hat es mit Unsicherheit auf beiden Seiten zu tun, nicht wissen wie die Leute aus anderen Kulturen sind, oder die Angst, es habe bereits zu viele Flüchtlinge, die uns den Platz wegnehmen könnten, spukt bei vielen noch in den Köpfen. Ich denke viele Ängste sind mit den Vorurteilen eng verknüpft. Welches sind die häufigsten Vorurteile, die Menschen gegenüber Asylbewerbern haben? K.F. Wenn ich anderen Leuten von meiner Arbeit erzähle, höre ich immer wieder, dass es nur die Reichen zu uns schaffen, dass sie kriminell und faul sind. Die Asylsuchenden wollen nicht arbeiten und bekommen noch Geld, haben neue Kleider an. Ich sehe es als meine Aufgabe, da ein wenig Aufklärungsarbeit zu machen. Wenn sie dann hören, die Menschen erhalten 21.- Fr. pro Woche, sind sie erstaunt wie klein das Sackgeld ist. Wenn ich die Weihnachtsgeschichte lese, merke ich, dass auch Jesus mit seinen Eltern in ein fremdes Land flüchten musste. Weihnachten war gar nicht so romantisch und lieblich, wie wir es uns oft vorstellen. Feiert ihr im Empfangszentrum Weihnachten? Wie? K.F. Am 24.Dez. bieten wir eine kleine Weihnachtsfeier im evang. KHG in Kreuzlingen an, mit Unterstützung der evang. Kirchgemeinde und den Freiwilligen vom AgaThu (Kaffeetreff für Asylsuchende). Wir holen die Menschen um 17:00 Uhr im EVZ ab und spazieren mit ihnen ins KHG. Dort gibt es ein einfaches Nachtessen und Dessert, die Weihnachtsgeschichte wird erzählt, es wird gesungen und gelacht. Um 22:00 gehen sie selbständig zurück ins EVZ. Meistens kommen zwischen 80 und 100 Asylsuchende an die Feier. Karin, ich danke dir ganz herzlich, dass du uns etwas Einblick in deine Arbeit gegeben hast. Ich wünsche dir von Herzen viel Freude bei deiner Arbeit.


Zuletzt aktualisiert am Montag, den 05. Dezember 2011 um 21:20 Uhr
 

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